Offener Brief an LH Voves

  • In der Steiermark fallen engagierte Vereine plötzlich um Förderungen um. Schade für die betroffenen Familien und schade um die Arbeitsplätze

Guten Tag, Herr Landeshauptmann!

Ich schreibe Ihnen diesen offenen Brief, weil viele Menschen aufgrund der Förderstreichungen des Landes Steiermark für den gemeinnützigen Verein “Patchwork-Familien-Service” auf Ihrer Facebook-Seite Appelle geschickt haben. Leider haben Sie diesen Menschen bisher nicht geantwortet.

Wie Sie wissen, hat nicht nur das Familienressort LRin Mag. Elisabeth Grossmann (SPÖ) als bisheriger Hauptsubventionsgeber unsere komplette Förderung restlos gestrichen, sondern auch Ihr Ressort.Wie kann es sein, dass für unserer Hilfseinrichtung kein Geld mehr da ist und Sie 2010 als Landeshauptmann 508.500 Euro (!) gleich gefolgt von Familienlandesrätin Grossmann mit 346.000 Euro für PR ausgeben konnten (Quelle: aufgeschlüsselt von LTAg. Schönleitner-Grüne)? Das fragen sich viele Betroffene! Da kann doch von “Sparen” in den eigenen Reihen keine Rede sein!!! Politik, die zum Selbstzweck wird, hat versagt!

Prioritäten setzen

Ich frage Sie weiters, was die steirische Regierung daran hindert, bei den Sparmaßnahmen sozial-verträgliche Lösungen und werte-orientierte Prioritäten zu setzen, um Abteilungs-übergreifend zu agieren und infrastrukturelle Sachausgaben einzustellen, solange es in der Steiermark armutsgefährdete Familien gibt? Ich denke da zum Beispiel an den Tunnelbau oder den Südgürtel (124 Millionen) oder andere Prestigeprojekte wie die Airpower (800.000 Euro) oder Ski WM (auch Millionenbeiträge).

Eine Familie, die in finanzielle Not gerät, achtet auch zuerst darauf, die Grundbedürfnisse abzudecken, um “über die Runden zu kommen”, bevor die Einfahrt erneuert wird, oder? Die Arbeitsplatz-Argumentation haben wir in allen Bereichen, also auch im Sozialbereich. Da wurden Behinderteneinrichtungen geschlossen und viele Arbeitsplätze von LeistungsträgerInnen im Sozialbereich sind durch das “Sparpaket” verloren gegangen. Ausgerechnet im Sozialbereich – der für den hohen Wert des sozialen Friedens sorgt – werden stillschweigend Arbeitsplatzverluste in Kauf genommen?

Strategie dahinter?

Finanzlandesrätin Dr. Bettina Vollath (SPÖ) meinte bei einer Konfrontation in der Digital-Arena, es sei eine Strategie, keine speziellen Einrichtungen wie unsere zu fördern. Dies steht im krassen Widerspruch dazu, dass sehrwohl spezielle Beratungsstellen gefördert werden (Drogenberatung, Frauenberatung, Behindertenberatung etc.). Was ist das für eine fragwürdige angebliche “Strategie”, unseren Verein jahrelang zu fördern und dann plötzlich den Hahn komplett abzudrehen? Und somit hochgradig engagierte 10 jährige bundesweite Pionierarbeit für zum Großteil Armuts-gefährdete AlleinerzieherInnen und Patchwork-Familien und Aufbauarbeit, die ohnehin zu einem Großteil auf viel unbezahlte Arbeit basiert, mit einem Schlag zu vernichten?

Diese Argumentation ist mehr als fragwürdig. Es scheint vielmehr so, als würde man im Zuge der Sparmaßnahmen überparteilich agierende, kritische, engagierte Vereine los werden wollen, da wir uns nie für parteipolitische Zwecke instrumentalisieren ließen, was für eine NGO selbstverständlich sein sollte! Ein bedenkliches Beispiel, wie wenig es oftmals in der Politik um die Bedürfnisse der BürgerInnen, Inhalte und Werte geht, sondern primär um Macht und Machterhalt. Das Patchwork-Familien-Service, wurde von mir als Vereinsinitiatorin und alleinerziehende Mutter 2002 ins Leben gerufen und wir haben bis Ende 2010 bisweilen 3000 Familien geholfen, mit ihren konflikthaften Situationen besser umzugehen.

Soeben haben wir unsere “Petition gegen Förderstreichungen” im Landtag eingereicht, die von vielen Institutionen und auch von der Autorin des Buches “Ende des Gehorsams“, Journalistin Anneliese Rohrer unterstützt wird. Ein circa 90-jähriger Pensionist kam bei einer öffentlichen Diskussionsrunde anschließend auf mich zu und spendete 100 Euro, als er erfuhr, dass ich mich als Vereinsinitiatorin und alleinerziehende Mutter bereits massiv verschuldet habe, um unser Hilfsangebot nicht einstellen zu müssen und diese unverantwortliche Förderstreichung nicht an Betroffene 1:1 weiterzugeben! Ich wollte es zuerst nicht annehmen, aber er bestand darauf und meinte: “Wir haben es den Frauen zu verdanken, dass es uns gibt, und hauptsächlich Frauen waren es, die nach dem Krieg wieder alles aufgebaut haben?” Ist das nicht rührend? Um so beschämender für die zuständige Politik, dass ein Rentner, der sicher auch nicht “zuviel Butter am Brot hat”, den Impuls verspürte zu helfen und jene, die für die Streichung verantwortlich sind, sich mit gut bezahltem Posten nur “abputzen” .

Wie können Sie dies als “Landeshäuptling” und Führungskraft verantworten?

Ich sage Ihnen offen, nach all der Ignoranz, mit der man mir in dieser Causa seit vielen Jahren begegnete, glaube ich nicht mehr an eine Rücknahme, aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil positiv überraschen. Dies wäre mal ein großgeistiger Schritt, um durch beherzte Taten wieder mehr Glaubwürdigkeit in der Politik zu erreichen. Es wäre schön, wenn Sie mir persönlich – und nicht Ihr “Ghostwriter” auf die oben gestellten Fragen zu antworteten. Mit familienfreundlichen Grüßen, Margit Picher. (Leser-Kommentar, derStandard.at, 11.1.2012)

Autorin

Margit Picher ist Obfrau des Patchwork-Familien-Service, Verein für Elternteile & Familien im Wandel